Cry me a river – ich habe überhaupt keine Ahnung von Korea und seinen Pflanzen

 Henrik Jacob

 

Über eine Freundschaft

Yun-hee Huh vermisst die Welt. Oder sie nimmt diese mit ihrem Körper, ihrem aufmerksamen Blick und noch einer weiteren, mir nicht bekannten, Gabe in sich auf bis Yunhee die Welt wird und die Welt Yun-hee. Es ändern sich nur die Zeiten und die Orte. Ich hatte das Glück die Künstlerin über viele Jahre hinweg an die erstaunlichsten Orte begleiten zu dürfen. Sie war meine Kommilitonin in den hohen nach Ölfarbe, Knochenleim und Zigarettenrauch riechenden Räumen an der Hochschule für Künste Bremen, in denen wir zeichneten, kickerten und gemeinsam kochten bis wir in allem besser wurden und sie ziemlich gut. In den Sommersemestern zelteten wir im weitläufigen Gelände des Naturstein- Chateaus unseres Professors in Galan in Südfrankreich im Dauerregen. Wir sollten doch Hütten bauen. Gegen die Schmelzwasserfluten die aus den nahen Pyrenäen auf unsere Bergwiese herabstürzen könnten und gegen die Arbeit der Biber die den Gebirgsbach vor unseren Zelteingängen aufstauten. Vielleicht ein laotisches Dorf. Mit Häusern auf Pfählen zwischen Himmel und Erde und wahrscheinlich gerade weil keiner von uns Ahnung von Laos hatte. Naturästhetik und Überforderung stand auf dem Programm. Und Yun-hee baute ihre Hütte. Und sie sah nach Laos aus. Und schaufelte noch ein Loch dazu, ein laotisches Loch, und alles wurde sehr gut. 

Das Loch

war nicht sehr groß, genau genommen war es so breit und tief, daß die Künstlerin stehend hinein passte. Es war die Verwurzelung der Künstlerin mit der südfranzösischen Erde, ein gegenseitiges Anpassen und Vermessen. Das Loch füllte sich mit Wasser, das der Dauerregen reichlich spendete. Im Wasser spiegelte sich der Himmel und das Loch erschien wie eine glitzernde Vereinigung von Himmel und Erde. Und aus dem Loch wuchsen Büsche – immer höher mit den Jahren – bis sie den Himmel berührten. Diese Transformation war eine Befreiung. Die Körpermaße der Künstlerin bedingten das Wachstum und die Größe der Pflanzen und es war auch ein bißchen Yun-hee die in den Himmel wuchs. Und niemand musste sterben dafür.

Die Hütte

Löcher und Hütten bedingen einander. Jeder Hütte ihr Loch. Und auch neben diesem Loch stand eine Hütte: Yun-hee`s Hütte. Für ihre Konstruktion legte sich die Künstlerin auf die Erde, fühlte den Boden unter sich und richtete den Blick in den Himmel. Um ihren Körper herum legte sie Steine, diese sollten das Fundament ergeben. Und das Fundament wurde mit Steinen und Mörtel gefüllt bis es hüfthoch war. Darauf baute Yun-hee ihre Hütte aus Fundholz, entschlossen zusammengezimmert, mit klappernden Fensterläden und gerade so groß, daß die Künstlerin sich flach hineinlegen konnte. „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg“, sang die Band Blumfeld, die wir in jener Zeit in unseren wolkenverhangenen norddeutschen Hochschulateliers immer hörten. Aber dieser Sarg war besonders. Er schwebte auf vornehme Weise über der Erde, auf halbem Weg zum Himmel und erschien als lebensfrohe Verkörperung und spirituelle Auferstehung der Künstlerin, bei der sie ruhig liegen bleiben konnte. Ein transzendentales Ereignis und ein hochfliegender kleiner Palastsarkophag, auf den jedes laotische Dorf stolz gewesen wäre. Und schon wieder musste niemand sterben dafür.
Für Loch und Hütte gibt es Konstruktionszeichnungen in mehreren Notizbüchern. Aufgeschlagen,  springt dem Betrachter eine wilde Mischung aus Skizzen, koreanischen Schriftzeichen und deutschen Vokabeln entgegen, die Yun-hee vorhatte zu lernen: „Bewegung“, „Hütte“ und „Nut und Feder“. Und alles erscheint gleich wichtig. Was sind noch Worte, was sind bereits Bilder? Was ist noch Zeichen und was das Bezeichnete? Vielleicht ist es das Drama des Nicht- Verstehens aus dem die Klarheit einer bildnerischen Idee entspringt.

Der Ofen

Wir zeichneten weiter und nun an verschiedenen Orten: Yun-hee in Seoul – sie hatte den Chinakohl, das koreanische Nationalgericht zu sehr vermisst – und ich in Berlin. Hier hatte ich einen Ort gefunden, an dem man günstig arbeiten und Ausstellungen organisieren konnte. Kulturpalast Wedding International, ein schöner Raum mit hoher Stuckdecke und etwas abseits gelegen. Er war sehr kalt und wir heizten die Öfen mit Kohle was dem Raum eine schwarze Patina verlieh. Ich lud Yun-hee nach Berlin ein um hier für eine Zeit zu wohnen und eine Ausstellung zu machen. Ich habe die Künstlerin kaum gesehen. Gleich nach ihrer Ankunft verschwand sie unter einem Ganzkörperschutzanzug und einer Staubmaske und zeichnete tagelang mit einem langen Stab auf dem ein Stück Zeichenkohle befestigt war an einer raumfüllenden Wandzeichnung. Die Striche erschienen erst fragil dann tiefschwarz auf der Wand, bildeten Kontur und Gerüst. Im Kohlenstaub davor stand die maskierte Künstlerin, zeichnete, verwischte, radierte und ordnete alles neu. Die Motive erblühten und verblassten, blendeten sich ein und wieder aus. Die Spuren dieses stundenlangen Abriebprozesses an der Wand sprachen vom immer währenden Zustand des Verschwindens in der Zeit und von der Unmöglichkeit einer jeweiligen Gegenwart. Durch den Nebel der Pigmente erschienen die ersten Fragmente einer ausufernden Wandzeichnung, die den Ausstellungsraum in eine eigenartige Schwingung versetzte. Yun-hee hatte unseren Kohleofen mit Zeichenkohle auf der Wand dupliziert, ein wildes System aus gezeichneten Ofenrohren, Rauchschwaden und Rußpartikeln überzog Wände und Decken und die gezeichneten Kohlerückstände mischten sich mit dem vorgefundenen Kohlenstaub des Ausstellungsraums. Dazwischen erschienen riesige gezeichnete Blumen, deren Blätter und Stängel über die Wandflächen wuchsen, die Öfen und Rohre durchdrangen und sich ebenfalls in stetiger Auflösung befanden. Zeichentechnik, Raum, Motive und Bedeutungen gingen eine einzigartige Symbiose ein. Natur und Naturkohle, Blühen, Vergehen und Wärmen: was blieb war ein völkerverbindendes Gastgeschenk aus einer anderen Welt und jede Menge schwarzer Staub auf unserem Dielenboden.

Der Wald

Die Zeit verging und die Blätter fielen wiederholt von den Bäumen. Dieses Mal hatte mich Yun-hee zu einer Ausstellung nach Korea eingeladen. Ich besuchte sie im Haus ihrer Mutter, das auf einem der grünen Hügel Seouls stand. Wenn man über eine schmale Steintreppe oben angelangt war konnte man – es war halber Herbst – einen farbenprächtigen Laubwald hinter dem Haus erkennen. Wir beschlossen ihn zuerst zu erkunden. Es war mein erster koreanischer Wald. Er wirkte vertraut und dennoch war alles auf merkwürdige Weise anders. Andere Blätter in einem anderen Licht- es erschien mir als würde ich durch ein Paralleluniversum laufen das meine Erinnerung auf eine Probe stellt und die mir vertraute Welt spiegelt und verdreht. Wie muß es Yun-hee all die Jahre in Europa ergangen sein wenn man sich nicht mal auf die einfachsten Dinge verlassen kann? Aber hier war Yun-hee- Land und es war Yun-hee`s Wald. Wir gingen weiter und Yun-hee las ein Blatt vom Boden auf. Sie erzählte mir daß sie täglich hier ist und ein Blatt mit nach Hause nimmt um es zu malen. Ein einziges Blatt. Aus einem ganzen Wald! Wie soll man sich da nur entscheiden? Später im Haus der Mutter zeigte mir Yun-hee ihr Zimmer und ich befand mich wieder im Wald. Unzählige Blätter, an Wänden und auf Stapeln – alle auf Papier gemalt – jedes Blatt Papier ein Blatt und für jeden Tag eines. Ein Farbenrausch der Jahreszeiten, ein Einfangen der vergehenden Zeit insgesamt und eine Manifestation der täglichen kleinen Entscheidungen. Es war mehr als Disziplin- es war Hingabe an die Natur und Yun-hee`s pure Freude an Farbe, Malerei und am Leben die in mich eindrang und mich berührte.
Am Abend spielten wir ein koreanisches Kartenspiel, das – so wurde mir gesagt – südkoreanische Rentner gerne spielen um ihr Gedächtnis zu trainieren. Es hieß Hwatoo – wilde Blumen – und man musste so schnell wie möglich aus einem Kartenstapel mit verwirrenden floralen Ornamenten die richtigen Paare finden. Natürlich hatte ich jedes einzelne Spiel verloren. Ich habe überhaupt keine Ahnung von koreanischen Pflanzen.

Der südkoreanische Sonnenaufgang

Ich muss nach Jeju wurde mir auch gesagt. Leider habe ich es nicht geschafft die Vulkaninsel zu besuchen. Da war Yun-hee wieder einmal schneller. Sie lebt nun seit einigen Jahren auf Jeju und malt Sonnenaufgänge. Jeden Tag einen. Der Arbeitsplatz der Künstlerin ist ein Zelt in den Dünen mit Meerblick. Da gibt es tristere Werkbänke. Aus einer westlichen Sicht heraus könnte man eine ökonomische, effiziente Arbeitsweise dahinter vermuten: frühes Aufstehen vorausgesetzt, hat man sein Tagwerk bereits vollbracht bevor die Sonne am Himmel steht und kann unbeschwert baden gehen. Dass dieser Gedanke aufkommt liegt auch an der radikalen Einfachheit der künstlerischen Aufgabe. Was gibt es Existenzielleres als noch einmal die Sonne aufgehen zu sehen und einen neuen Tag zu feiern? Die gemalten Sonnenaufgänge sind spirituelle Tagebücher, flirrende Zeitzeugnisse und eine Verneigung vor dem Leben. Und vor dem Licht, das Malerei erst ermöglicht. Und – kopernikanische Wende – der Freude darüber dass sich die Erde weiterdreht.

Wenn man einen Wald malt muss man sich ein System überlegen. Man kann unmöglich jedes einzelne Blatt malen, meinte der südfranzösische Professor. Dem hat Yun-hee mit ihrer Blätterarbeit auf feinsinnige Weise widersprochen. Dennoch ist Yun-hee eine Meisterin künstlerischer Systeme und malerischer Konzepte. Sowohl bei den gemalten Blättern als auch bei den Sonnenaufgängen geht es um die tägliche Handlung, stetige Wiederholung und das Einfangen von Zeit. Es wird gemalt was auf den Tisch kommt, sagte Martin Kippenberger einmal. Yun-hee malt was die Natur hervorbringt und in dieser ist Veränderung immanent. Durch den stoischen Akt des täglichen Einfangens eines augenblicklichen Zustands von Natur wird Veränderung und Vergänglichkeit erfahrbar. Oder – das wäre effizient – lässt die Künstlerin die Natur malen, denn diese entscheidet über Form, Farbpalette und bei den Sonnenaufgängen sogar über Arbeitszeiten? In jedem Fall ist Yun-hees Haltung das Entscheidende, ihre Bejahung des Prozesshaften, ihre Hingabe und das sich aussetzen an Zeit und Natur. Immer wieder, immer wieder neu und immer wieder anders.

Die Qualität von Yun-hee Huhs Arbeiten liegt darin, daß sie über sich hinausweisen, neue Zusammenhänge erschaffen und interkulturell lesbar sind. In ihrer Ursprünglichkeit und Klarheit liegt ihre Kraft. Und sie sind humanistisch im besten Sinne denn sie feiern den Menschen in all seiner Unvollkommenheit und das menschliche Leben im Zusammenspiel mit der Natur. Ich kenne Yun-hee als einen freundlichen, sehr offenen Menschen und diese Eigenschaften finden sich in ihrer Kunst wieder. Es könnte auch umgekehrt sein und die Kunst verleiht der Künstlerin diese Gaben.

Ich habe mit Yun-hee gelernt und ich habe noch mehr von ihr gelernt. Kunst ist kein Eskapismus, sie ist keine Flucht vor der Welt. Sie ist die Welt. Und wir Menschen sind stark, weil wir Natur sind. Sie durchdringt uns und wir durchdringen sie. Wir müssen sie nur wahrnehmen. Oder uns. Oder uns manchmal ein Loch graben das zu uns passt.

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